"DER BUND" - DIE ANTI-GEORGE-CLOONEY-MASCHINE – «THE ELSE»
Von Simon Jäggi.
Der umtriebige Berner Kaffee-Fürst Adrian Iten lanciert ein alternatives Kaffeesystem.
Eigentlich ist Adrian Iten der Meinung, dass Kaffeemaschinen Dreck machen und auch etwas unpraktisch sein sollen. Iten ist Geschäftsleiter des «Adriano's» - der Bar vis-à-vis des Zytglogge, der manche Berner nachsagen, dass sie den besten Espresso der Stadt brüht. Die sperrigen, chromigen Kolbenmaschinen, das ist Itens Kaffeewelt. Für George Clooney an allen Plakatwänden hatte er während langer Zeit nur ein müdes Lächeln übrig; den unheimlichen Aufschwung von Nespresso tat er als Spleen der Kaffee-Barbaren ab. Es war vor einigen Monaten, dass Iten kapitulierte. Er sah ein, dass sich nicht jeder ein solches Ungetüm in die Küche stellen mag, das so viel kostet wie ein Mountainbike und mindestens zehn Handgriffe verlangt, bis die perfekte Crema aus dem Tässchen lacht. Vor einigen Monaten hat sich Iten eingestanden, dass hinter dem Nespresso-Boom wohl ein echtes Bedürfnis steht. Und Iten hat entschieden, George Clooney Konkurrenz zu machen.
Das muss reichen
Nur wenige Monate später sitzt er in seinem Büro und hält sie in der Hand: die kleine, schlichte Maschine. Mit ihr will er den Kampf gegen den Goliath-Multi aufnehmen. Die Maschine hat er in Italien entdeckt, bei der kleinen Metall-Manufaktur Sirp aus Cuneo im Piemont. «Make it simple» sei das Motto des Vorhabens, erklärt Iten. Dem entsprechend kommt auch das Design der Kaffeemaschine daher: Ein metallener Kubus, in sechs Farben erhältlich, eine Glasflasche, ein Schlund für die Kaffeepads, ein On/off-Schalter, das muss reichen.
Die Maschine heisst «The Else» - der Name ist Programm. Er nimmt Bezug auf den Werbeslogan von Nespresso («What else?»). Das «Adriano's»-Kaffeesystem sei eine Alternative für Leute, denen der ganze Nespresso-Schnickschnack auf den Wecker gehe. Leute, die guten Kaffee trinken wollten, der nachhaltig produziert werde und keinen Multi unterstütze.
Velokurier bringt nächste Ladung
Es ist ja nicht so, dass Nespresso keine Konkurrenz hätte. Etliche grössere und kleinere Kaffeehersteller bieten alternative Systeme an, manche mit Kapseln, manche mit sogenannten Pads, auf die auch Iten setzt. Was das «Adriano's»-System besonders macht: Es setzt auf regionale Strukturen. Die Bohnen werden in der eigenen Anlage in der Adriano's-Bar geröstet, die Pads bei Blaser Café in Bern abgepackt und Bestellungen vom Velokurier geliefert, sofern die Kunden im Raum Bern wohnen. Bestellt werden kann übers Internet. Itens hochgestecktes Ziel: 48 Stunden nach der Röstung sollen die Kaffee-Portionen bei den Kunden sein, damit nur besonders frischer Kaffee in die «Adriano's»-Maschinen kommt. Zurzeit werde zumindest schon zweimal wöchentlich frisch geröstet, sagt Iten. Bei den Bohnen gibt es bislang vier Sorten, die zur Auswahl stehen. Ein Pad kostet 48 Rappen - etwas weniger also als eine Nespresso-Kapsel. Noch sei vieles improvisiert und gebastelt, räumt der Berner Anti-Clooney ein. Um zum Beispiel die zurzeit noch bescheidenen Mengen abzutüten, müsse die riesige Blaser-Abpackmaschine jeweils neu eingestellt werden, was drei Stunden dauere. Etliches möchte er noch ändern: So sollen die Pads eine neue, ökologischere Verpackung erhalten.
Iten hat schon manche Idee gehabt, schon vieles angerissen, etwa die mobile Kaffee-Bar in einem Vespa-Car. Nicht alles war von Erfolg gekrönt. Grandios gescheitert ist sein Projekt einer zweiten Filiale beim Bahnhof. In der «Tankstelle» verlor das Berner Kleinunternehmen eine halbe Million Franken, wie Iten freimütig einräumt.
Die Zwei-Böckli-Strategie
Bei seinem neusten Projekt will Iten daher die Sache gemächlich angehen. «In Italien eröffnet einer eine Bar mit zwei Böckli und einer Holzplatte», sagt er. Mit dieser Zwei-Böckli-Strategie will er auch «The Else» aufbauen, sagt er. Um herauszufinden, ob überhaupt ein Bedürfnis nach einem alternativen Kaffeesystem besteht, war er im Frühling an der BEA und kürzlich an der Weinmesse. Die ersten Reaktionen seien euphorisch ausgefallen und hätten ihm bewiesen, dass ein Bedürfnis nach einer lokalen Alternative zu Nespresso bestehe, erzählt Iten.
Werbung hat er inzwischen kaum gemacht, dennoch sind schon fünfzig Maschinen verkauft. Noch kennt Iten die meisten Käufer persönlich. Als Ziel habe er sich gesetzt, in zwei, drei Jahren tausend Maschinen abzusetzen. Vorerst versuche er etwa gar nicht, über Bern hinaus Kunden zu gewinnen. Dennoch hat er bereits je einen Kunden in Basel und Zürich. «Keine Ahnung, wie die davon erfahren haben.» (Der Bund)
Original-Seite als PDF: "Der Bund", Seite 21, 6. November 2009 (509.93 Kb)

